17. Deutscher Verpackungskongresses

| HOME » AKTUELL » 17. Deutscher Verpackungskongresses

17. Deutscher Verpackungskongress 

Kreislaufwirtschaft, regulatorische Aktivitäten und VUCA: Bericht von den Vorträgen des 17. Deutschen Verpackungskongresses (Foto: dvi)
Kreislaufwirtschaft, regulatorische Aktivitäten und VUCA: Bericht von den Vorträgen des 17. Deutschen Verpackungskongresses (Foto: dvi)

Unter dem Motto „Die Verpackung als Pionier – bei der Transformation zur Kreislaufwirtschaft“ diskutierten führende Köpfe aus Wirtschaft, NGO und Politik beim 17. Deutschen Verpackungskongress am 17. und 18. Mai 2022 konkrete Wege und Strategien für eine nachhaltige Zukunft und die brandaktuellen Herausforderungen der Gegenwart.

Globalisierungsgestalter: Die Verpackung hat andere Aufgaben, als das Klima zu retten.

In seiner Keynote zum Auftakt des 17. Deutschen Verpackungskongresses gab der Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler und Globalisierungsgestalter Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz-Josef Radermacher einen ebenso spannenden wie deutlichen Einblick zum Thema CO2 und Klimaschutz. Radermacher betonte zu Anfang seines Vortrags, wie wichtig Verpackungen für das Leben und eine gelingende Zivilisation sind.

Grundsätzlich beträfen Biodiversität, Hunger und auch Klima als existentielle Probleme vor allem die ärmeren Länder. Entsprechend sei das wichtigste Thema nach wie vor die explodierende Weltbevölkerung. Bei einem Zuwachs von 80 Millionen Menschen jährlich wachse diese bis 2050 um 2,5 Milliarden Menschen. Und dies vor allem in Regionen, in denen Wohnraum, Infrastruktur, Heiz- und Kühlsysteme erst noch entstehen müssten. Der dafür notwendige Stahl und Zement sollte nach Ansicht von Radermacher im Mittelpunkt unserer Sorgen stehen. Denn diese Materialien seien mit rund 5 Milliarden Tonnen pro Jahr die größten Emissionsquellen für Klimagase. Jedes Jahr fiele dabei 1,5 Mal das gesamte Emissionsvolumen der EU an.

Leider, so Radermacher, seien die Länder der reichen Welt jedoch mit einer Nabelschau beschäftigt. Als „Klimanationalisten“ sei ihr Bestreben, zu Haus zu glänzen, anstatt Geld, Zeit und Energie in die Lösung von Wachstumsprozessen der sich entwickelnden Länder zu stecken. Deutsche Fahrradfahrer könnte die Welt nicht retten. Es gehe darum, sich auf die großen Dinge mit den großen Volumen zu konzentrieren und sich nicht in Kleinigkeiten zu verlieren. Ein zentrales Instrument dafür sei das Einfangen, Nutzen und Lagern von CO2 (Carbon Capture, Use and Storage; CCUS). Die Verpackung solle man eher von ihrem Nutzen für unsere Zivilisation und Lebensqualität her bewerten. Im „Big Picture“ mache sie nicht den Klimaunterschied.

Umweltbundesamt: Mehrweg und Recyclingfähigkeit im Fokus

Nach Ansicht von Dr. Bettina Rechenberg, Leiterin des UBA-Fachbereichs III „Nachhaltige Produkte und Produktion, Kreislaufwirtschaft“ beim Umweltbundesamt sind die entsprechenden Stellschrauben, damit die Umwelt in einem Zustand verbleibt, welcher auch in Zukunft global prinzipiell Wohlstand und ein gutes Leben ermöglicht, längst identifiziert: Eine schadstofffreie und zirkuläre Wirtschaftsweise und Ressourcenschonung stellten dabei zwei der zentralen politischen Handlungsfelder dar. Laut Rechenberg müssten wir dafür in den kommenden zehn Jahren die Verwendung recycelter Materialien verdoppeln und gleichzeitig die Materialverwendung reduzieren. Die Entwicklung des Verpackungsaufkommens stelle dabei eine große Herausforderung dar.

Auch Rechenberg betonte die Bedeutung von Verpackungen, die Produkte und Ressourcen schützten. Problematisch sei, dass auch Verpackungen Ressourcen benötigten, die nach kurzen Gebrauch schon wieder als Abfall anfielen. Den Ausweg aus dem durch demografische Faktoren und veränderten Lebens- und Konsumverhalten bedingten Anstieg des Verpackungsverbrauchs sieht Rechenberg im Ausbau der Mehrwegsysteme. Weitere Faktoren für eine Trendumkehr seien Materialeffizienz und das Vermeiden überdimensionierter Verpackungen. Entscheidend sei auch eine hochwertige Kreislaufführung, die recyclinggerechtes Design, eine weitere Steigerung der Recyclingmenge und den Einsatz von Rezyklaten umfasse.

Skeptisch sieht man beim UBA den Einsatz von Biokunststoffen, die zu einer weiteren Belastung unserer Böden und der Biodiversität führe. Hier verschieben sich nach Ansicht von Rechenberg lediglich die Vor- bzw. Nachteile. Beim Recycling von Kunststoffen beschied Rechenberg der Branche gute Fortschritte. Sie gab zu, dass die Politik in der Bringschuld stehe, wenn es darum geht, Rezyklate schneller und konsequenter für den Einsatz im Lebensmittelkontaktbereich freizugeben. In der Politik werde auch darüber nachgedacht, Quoten für Rezyklateinsatz mit und ohne Lebensmittekontakt getrennt zu setzen und zu erfassen. Lösen müsse man auch noch die Frage der finanziellen Anreize. Diese seien bislang nicht befriedigend.

Das Fazit von Rechenberg: „Wir haben schon viel erreicht. Es gibt jedoch noch große Herausforderungen. Aber wir kennen die Stellschrauben. Wenn wir noch mutiger an die Sache rangehen und als Stakeholder alle zusammenarbeiten, können wir es schaffen.“

Nestlé: 5 Säulen für Nachhaltigkeit

Bernd Büsing, Corporate Packaging Lead von Nestlé Deutschland AG gab in seinem Vortrag einen grundsätzlichen Überblick über die Strategien und Maßnahmen seines Unternehmens, den er mit zahlreichen konkreten Beispielen und Zahlen untermauerte. Mit Blick auf die CO2e-Emissionen des gesamten Lebenszyklus eines Produkts nannte Büsing für die Verpackung die Zahl von 9 Prozent.

Die Strategie für nachhaltige Verpackungen ruht nach Auskunft des Corporate Packaging Lead bei Nestlé auf den fünf Säulen Reduce, Reuse & Refill, Redesign, Recycle und Rethink Behaviours.

Bei Reduce gehe es um die Reduzierung des Einsatzes von Verpackungsmaterial im Allgemeinen und von Neumaterialien im Besonderen geht. Hier gab Büsing unter anderem das Beispiel einer Maggi-Flasche, bei deren Produktion man von Glas-Blas- auf Glas-Streck-Verfahren umgestellt habe, was 683 Tonnen Glas pro Jahr einspare.

Bei Reuse & Refill stehen laut Büsing skalierbare Mehrweg- und Nachfüllsysteme im Mittelpunkt. Sie sollen den Bedarf an Einwegverpackungen eliminieren und seien auch über den Getränkebereich hinaus für Food zentral. Büsing gab den Kongressteilnehmern das Beispiel eines neuen Nesquick-Edelstahlbehälters, der schon nach vier Verwendungszyklen den Anfangsmehraufwand kompensiert und nach 15 Zyklen 50 Prozent Treibhausgasemissionen eingespart habe. Zentral für diese zweite Säule seien Standardisierung und Skalierbarkeit der Lösungen, gemeinsam genutzte Infrastrukturen, Erschwinglichkeit und offener Zugang für Marken und Produkte.

Bei Redesign als dritter Säule sieht sich das Unternehmen in einer Vorreiterrolle bei alternativen Verpackungsmaterialien, insbesondere zur Ermöglichung des Recyclings. Büsing betonte, dass die bessere Verpackung immer eine individuelle Frage je nach Anwendung und Anforderung sei. Recyclingfähige Papiere zur Substitution von Kunststoff brächten gute Ergebnisse, ohne dass Papier immer die richtige Lösung sei.

Um unterstützende Infrastruktur, die hilft, eine abfallfreie Zukunft zu gestalten, geht es bei der vierten Säule, Recycle. Hier müssten Technologien weiter vorangebracht werden.

Rethink Behaviours als fünfte Säule umfasst in der Nestlé-Strategie die Förderung neuer Verhaltensweisen in den eigenen Betrieben, aber auch bei Verbrauchern, Handelspartnern und Lieferanten. So sei bei der eigenen Beschaffung nicht mehr alleine Qualität und Preis, sondern auch der CO2-Impact als Auswahlkriterium zentral.

Coca-Cola: Innovation als Schlüssel

Dr. Stefan Kunerth, Technical Operation Director West Europe der Coca-Cola GmbH betonte in seinem Vortag die Bedeutung von Innovationen. Das Konzept der Nachhaltigkeit sei noch zu stark durch die Idee des „Bewahren“ dominiert. Man denke daran, was man nicht mehr oder weniger machen dürfe. Denke man Nachhaltigkeit aber nicht nur als Spaßbefreiung, dann komme man auf die Elemente Kreativität und Innovation. Bei Verboten und Optimierungen von Verpackungen plädierte Kunerth dafür, einzelne Verpackungen nicht pauschal zu diskreditieren. Wir müssten über alle Verpackungen reden und die eine nicht gegen die andere ausspielen.

Bei Kunststoff und hob Kunerth die gestiegene Nachfrage nach Rezyklaten hervor, die nicht alleine aus der Verpackungsindustrie käme, sondern auch aus dem Textil, Auto und Spielwarenbereich. Das verschärfe die karge Angebotslage zusätzlich und treibe die Preise - insbesondere, weil beispielsweise das qualitativ hochwertige rPET der Verpackungsindustrie zahlreiches Begehren wecke. Nur Innovationen und neue Ansätze könnten das Problem lösen. Dafür dürfe man nicht immer auf die perfekte Lösung warten´, die dann auch noch als Betriebsgeheimnis gehütet würde. Kunerth plädierte dafür, mehr auszuprobieren, zu testen und die bestmögliche Lösung voranzubringen - und zwar als gemeinsame Arbeit der gesamten Kette.

Verbunden mit konkreten Beispielen aus seinem Unternehmen stellte der Technical Operation Director West Europe in Folge die drei Handlungs-Säulen von Coca-Cola vor: Expand, Explore und Extend. Für Expand gab er das Beispiel angebundener Verschlüsse bei PET-Flaschen. Die Anbindung vereinfache auf der einen Seite das Sammeln und Recyceln. Gleichzeitig haben man die nötige und sehr komplexe Umstellung bei der Flaschenproduktion genutzt, um durch verändertes Design weiter Material einzusparen.

Für den Bereich Explore nannte Kunerth Beispiele wie eine Flasche aus Papier und Bio-PET. Fortschritte dieser Art sind nach Ansicht von Kunerth nur im Rahmen von Industriepartnerschaften möglich.

Extend schließlich beinhalte den Mut, ohne Schranken im Kopf zu experimentieren. Nötig seien transformative Technologien, um das, was heute noch nicht recycelbar ist, recycelbar zu machen. Dafür müsse Zeit und Geld investiert werden. Explizit nannte Kunerth Depolymerisation und neue Rohstoffquellen als zentrale Felder für Innovation und Investments.

Procter & Gamble: Menschen mitnehmen und begeistern.

Gabriele Hässig, Geschäftsführerin Kommunikation und Nachhaltigkeit bei der Procter & Gamble Service GmbH betonte in ihrem Vortrag die Notwendigkeit, als Unternehmen Verantwortung zu übernehmen. Man müsse eine Kraft für das Gute und für Wachstum sein und dürfe sich nicht nur auf einen Faktor konzentrieren. Entscheidend sei am Ende, dass man nicht nur Kosmetik betreibe, sondern wirklich etwas ändere.

Im eigene Unternehmen habe man dafür drei Kreise definiert. Im ersten Kreis gehe es um den eigenen Fußabdruck, der auf der Grundlage eines wissenschaftsbasierten Ansatzes (LCA) reduziert werden müsse. Im zweiten Kreis gehe es darum, den Verwenderinnen und Verwendern zu helfen, den eigenen Fußabdruck zu reduzieren. Im dritten Kreis schließlich stehe die Zusammenarbeit und Partnerschaften zur Lösung von fundamentalen Fragenstellungen. „Wir kommen nur weiter, wenn wir massiv partnerschaftlich denken und handeln“, so Hässig.

Ein besonderes Augenmerk legte die Geschäftsführerin Kommunikation und Nachhaltigkeit auch auf den zweiten Kreis. Der Einfluss des Verbraucherverhaltens sei massiv und summiere sich mit Blick auf den Carbon Footprint eines Produkts im gesamten Lebenszyklus auf 84,3 Prozent. Es sei deshalb entscheidend, die Verbraucher mitzunehmen und zu motivieren. Man müsse klarmachen, dass Nachhaltigkeit nicht Verzicht sei, sondern neue Lösungen und andere Verhaltensweisen umfasse. Wasche man seine Wäsche beispielsweise bei 30 Grad anstelle von 40 Grad, spare man 35 Prozent Energie. Die Aufgabe der Industrie sei, diesen Wandel über Produktverbesserungen möglich zu machen.

Mit konkreten Beispielen belegte Hässig auch die vier Säulen der Nachhaltigkeitsstrategie von Procter & Gamble, die unter der großen Überschrift der Stärkung der Kreislaufwirtschaft stehen: Reduce, Reuse, Reclaim und Recycle. Die Beispiele reichten vom Ersatz von Kunststoffblistern durch Karton über die Einführung von Nachfüllbeuteln, die nur scheinbar unbedeutende Reduzierung eines Folieneinsatzes und den Wechsel von starren Kunststoffbehältern auf Beutel bis hin zum Einsatz von Altplastik.

EUROPEN: Regulatorischer Tsunami?

Francesca Stevens, Managing Director der European Organization for Packaging and the Environment (EUROPEN) gab den Kongressteilnehmern in ihrem Vortrag einen Überblick zu den vielfältigen regulatorischen Aktivitäten der EU im Bereich Verpackung. Dazu gehören die Aspekte Single Market, die Packaging and Packaging Waste Directive (PPWD), die Sustainable Products legislative Initiative (SPI), Green Claims, Food Contact Materials (FCM), der Reach Review, die Water Framework Directive (WFD), die Waste Shipment Regulation (WSR) und der Bereich Taxonomy.

Nach Meinung von Stevens stellen die vielfältigen Aktivitäten und Maßnahmen nicht zwingend eine Überregulierung dar. Allerdings sei die Frage, wie weit die Regulierungen jeweils gehen sollten. So sei der Bann bestimmter Verpackungsarten oder konkrete Vorschriften, welche Verpackungen bei bestimmten Produkten zu verwenden seien, nicht förderlich.

Mit Nachdruck verwies Stevens auch auf das Problem der weiteren Ausgestaltung europäischer Aktivitäten auf nationaler Ebene, was die Vielzahl der Regularien noch einmal multipliziere und zu ernsthaften Problemen im Hinblick auf den Single Market führen können. Als Beispiel zeigt Stevens das Feld der Etikettierungen. Hier führen die unterschiedlichen nationalen Vorgaben beispielsweise in Bezug auf Hinweise zur korrekten Entsorgung oder auf die Nachhaltigkeit von Produkten beziehungsweise Verpackungen nach Ansicht des EUROPEN zu echten Problemen. Der Markt fragmentiere sich dadurch zusehends. Die Unsicherheiten und Mehrdeutigkeiten für die Markteilnehmer stiegen im gleichen Maße, wie der Aufwand, da für jeden Markt unterschiedliche Regelungen griffen. Die gleichen Herausforderungen stellten sich auch beim Verbot oder bei Restriktionen bestimmter Verpackungsarten oder Materialien. Negativ seien zudem die zunehmenden Restriktionen in Bezug auf den grenzüberschreitenden Transport von Verpackungsabfall.

Um die Vielzahl der Regulierungen im Auge zu behalten, bietet das dvi als Mitglied des EUROPEN seinen Mitgliedern seit diesem Jahr einen monatlichen Newsletter, der die Aktivitäten und Maßnahmen der EU verfolgt und zusammenfasst.

PepsiCo: Gefragt sind Beständigkeit und Zukunftssicherheit.

Kai Klicker-Brunner, Head of Policy & Government Affair von PepsiCo DACH ist ein “alter Hase” der Circular Economy. Als er sich vor 12 Jahren als Lobbyist mit dem Thema Kreislaufwirtschaft beschäftigte, galt es noch als Nerd. Das hat sich geändert. Klicker-Brunner erinnerte am Anfang seines Vortrags an die Umstände, die Regulierer zu ihren aktuellen Aktivitäten treiben. Er erinnerte an 300 Millionen Tonnen Kunststoff, die jährlich produziert werden, an den Umstand, dass weniger als 15 Prozent davon weltweit eingesammelt und recycelt werden und an die eingängigen Bilder des Marine Litter, der durch den unerwünschten Eintrag von jährlich 8 Millionen Tonnen Kunststoff in die Meere entsteht.

Die Vision, die sein Unternehmen dagegensetze, sei eine Welt, auf der Kunststoff niemals zu Abfall werde. Die Eckpfeiler der PepsiCo-Aktivitäten in diesem Zusammenhang lassen sich nach Klicker-Brunner unter den Schlagwörtern Reduce, Recycle und Reinvent zusammenfassen.

Für Unternehmen ist es nach Ansicht von Klicker-Brunner elementar wichtig, verlässliche und einheitliche Systeme in ganz Europa zu haben. An die Regulierer gewandt, formulierte der Head of Policy & Government Affair seine Forderungen nach leistungsfähigeren Abfallmanagementsystemen, einem robusteren Markt für Sekundärrohstoffe und einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit beim Recycling.

Konkret wurde Klicker-Brunner auch in Bezug auf die Notwendigkeit einer innovationsfreundlichen Definition von Rezyklierbarkeit. Hier solle man sich nicht auf das aktuell Mögliche beschränken, sondern Anreize für Recyclinginfrastrukturen schaffen, die auch bislang nicht oder kaum recyclingfähige Verpackungen der Wiederverwertung zuführen könnten. Ebenso brauche es eine breite Definition von Wiederverwertung, die alle Modelle entsprechend der vier Quadranten der Ellen MacArthur Foundation mit einbeziehe.

Nicht ohne Stolz verwies Klicker-Brunner darauf, dass PepsiCo bei seinen Getränkeflaschen schon dieses Jahr in elf Märkten 100 Prozent rPET erreichen werde. Die notwendige Menge an Rezyklat habe man sich dank eines bereits vor zwei Jahren gestarteten Einkaufsprozesses und einer sehr guten Partnerschaft mit Lieferanten sichern können. Grundsätzlich sieht Klicker-Brunner rPet als Brückentechnologie in Bezug auf Nachhaltigkeit. „Das ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Wir arbeiten intensiv daran, unser aktuelles Hauptverpackungsmaterial für die Zukunft obsolet zu machen. Aber es ist es aktuell das Beste, was wir haben“, so Klicker-Brunner.

BMUV: Neue EPR-Tendenzen und Litteringfonds im Fokus

Dr. Matthias Klein, Referent im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, behandelte in seinem Vortag die Umsetzung der erweiterten Produktverantwortung (EPR) in Deutschland, die Anpassung durch die Novelle des Verpackungsgesetzes, neue Entwicklung sowie den Status quo beim Einwegkunststofffondsgesetz und Litteringfonds.

Laut Vorgabe der EU müssen Mitgliedstaaten sicherstellen, „dass bis zum 31. Dezember 2024 gemäß den Artikeln 8 und 8a der Richtlinie 2008/98/EG Regime der erweiterten Herstellerverantwortung eingeführt werden, die sich auf alle Verpackungen erstrecken.“ In Deutschland werden entsprechende Regime schon aktuell in Bezug auf alle Verpackungen spezialgesetzlich und durch das Verpackungsgesetz umgesetzt.

Bei den neuen Entwicklungen bei der EPR griff Dr. Klein zwei Tendenzen heraus. Einmal beleuchtet er die Einbeziehung der Entwicklungs- und Herstellungsphase. Sie habe zum Ziel, das Recycling zu fördern. Zu den Vorgaben und Anreizen zur Verbesserung der Recyclingfähigkeit von Verpackungen gehören laut Klein die ökologische Gestaltung der Beteiligungsentgelte und die geplante Einführung eines Fondsmodells für Beteiligungsentgelte. Bei den Entgelten solle ein stärkerer Fokus auf die Recyclingfähigkeit gelegt werden. Modulated fees seien auch bei der EU ein Thema, das gleichwohl noch nicht im Detail entschieden sei.

Die zweite Tendenz betrifft laut Klein die Einbeziehung des Verhaltens der Endverbraucher. Interessanterweise versteht man beim BMUV darunter die Verlagerung der Reinigungs- und Entsorgungskosten von gelitterten Abfällen von der Allgemeinheit auf die Hersteller von Verpackungen. Die Kostentragungspflicht der Hersteller umfasst nach Aussage von Dr. Klein Sensibilisierungsmaßnahmen, Entsorgung über öffentliche Sammelsysteme und Reinigungsaktionen einschließlich der Entsorgung. Zu den Adressaten zählt das BMUV Hersteller von bestimmten Einwegkunststoffartikeln, insbesondere to go-Einwegkunststoffverpackungen für Lebensmittel einschließlich Getränke.

Auf die Nachfrage, welche Lenkungswirkung man sich von dieser Regelung in Bezug auf die Endverbraucher verspreche, verwies Dr. Klein auf eine „gewisse Kausalität“, weil ja nur bestimmte, besonders belastende Abfälle betroffen seien. Er verwies darauf, dass Kommunen bei der Ahnung von Littering und der Sammlung und Entsorgung im öffentlichen Raum überfordert wären. In Bezug auf die Doppelbelastung durch bereits entrichtete Systemgelder und nun zusätzlich anfallende Entgelte erklärte Dr. Klein: „Jede Belastung soll ihren Sinn und Zweck erfüllen. Die Systemzahlung ist grundsätzlich für die Infrastruktur der haushaltsnahen Erfassung. Damit ist das nicht Haushaltsnahe nicht erfasst. Es sind halt verschiedene Aufgaben.“

Deutsche Bank: Strukturelle Probleme auf längere Zeit

Eric Heymann, Director/Senior Economist der Deutsche Bank AG zeichnete den Teilnehmern ein Bild der Konjunktur und der konjunkturellen Erwartungen nach dem Impact von Coronapandemie und Krieg in der Ukraine. Im Zentrum standen die Herausforderungen rund um Energie, Rohstoffe und Lieferketten.

Heymann zeigte Prognosen für das deutsche BIP-Wachstum, die zuletzt nach unten revidiert wurden. Er sprach von einer Industriekonjunktur, die nicht in Schwung kommt und legte steigende Energiepreise durch den Krieg in der Ukraine dar. Auch die Rohstoffpreise ziehen durch eine starke Post-Corona-Nachfrage und gleichzeitigen Schocks auf der Angebotsseite an. Die Einfuhrpreise steigen aktuell so stark, wie zuletzt 1974. Die Erzeugerpreise weisen sogar den höchsten Zuwachs seit 1949 auf.

Heymann wies darauf hin, dass Materialengpässe und weitere Störungen der Lieferkette zu einem steigenden Auftragsbestand geführt haben. Gleichzeitig machte der Senior Economist der Deutschen Bank klar, dass wir uns für längere Zeit auf strukturelle Probleme einstellen müssten. Sobald die Auftragsbestände abgearbeitet seien, drohe eine konjunkturelle Delle, weil weniger neue Aufträge in die Bücher kämen.

Auch die Inflation schnitt Heymann in seinem Vortrag an. Sie dürfte nach Meinung der Deutschen Bank 2022 bei 7 Prozent liegen und erreicht damit Stände, wie zuletzt Anfang der 80er Jahre. Positiv sei, dass die Schulden durch die Inflation etwas entwertet würden.

Eine Wende in der Klimapolitik gibt es nach Ansicht von Heymann nicht erst durch die Sanktionen und das potentielle Embargo fossiler Energien aus Russland. Schon die Klimaziele der Regierung verlangten diese Wende. Noch dominierten beim Primärenergieverbrauch allerdings fossile Energien. Auf dem Strommarkt spielten die erneuerbaren Energien bereits die Hauptrolle, allerdings bräuchten sie ein Back-up.

Im Falle eines Embargos oder Lieferstopps für Gas aus Russland prognostizierte Heymann erhebliche volkswirtschaftliche Risiken. Im Stromsektor seien die Folgen durch eine höhere Auslastung der Steinkohlekraftwerke, eine geringere Stilllegung von Kohlekraftwerken und gegebenenfalls eine längere Laufzeit der Kernkraftwerke noch relativ gut aufzufangen. Treffen würde ein Gas-Stopp vor allem die Industrie, die Erdgas als Rohstoff und Energieträger für Prozesswärme und Strom benötige und gegenüber den Privathaushalten erst an zweiter Stelle bedient würde.

Immerhin, einen positiven Aspekt gab es auch zu vermelden: Der Arbeitsmarkt und das Steueraufkommen sind weiterhin stabil. Trotzdem sieht Heymann die finanzielle Tragfähigkeit des Bundeshaushalts als eine spannende Frage der kommenden 10 Jahre. Und Deutschland stehe noch vergleichsweise gut dar.

Berndt+Partner: Raus aus dem Krisenmodus - hin zur Zukunftssicherung

Jenny Walther-Thoß, Senior Consultant Sustainability, Berndt+Partner Consultants zeigte zu Beginn ihres Vortrags die Kette der Krisen, die sich uns seit 2008 in den Weg gestellt haben. Von der Finanzkrise 2008 über Fukushima 2011, die Sanktionen gegen Russland aufgrund der Krim-Annexion 2014, den America first Handelskrieg mit China 2018 und die Coronapandemie ab 2020 bis hin zum jüngsten Überfall Russlands auf die Ukraine.

Ihre berechtigte Frage angesichts dieser Ereigniskette: Warum sind wir eigentlich immer wieder überrascht? Krisen kämen sowohl im Bereich Energieversorgung, Rohstoffe und Lieferkettenstörungen häufiger und schneller hintereinander. Ändern werde sich dies weltweit nicht. Das Problem: Viele Unternehmen haben nach Ansicht von Walther-Thoß aus den vergangenen Krisen nur bedingt gelernt. Es fehle an systematischem Risikoassessment von Langzeitrisiken, geschultem Personal mit Blick für risikobewusstes Handeln und einer Kultur des Lessons Learned.

Walther-Thoß zeigte in Folge, dass die Risiken in der Lieferkette weiter zunehmen während sich die Risikoüberwachung überwiegend auf die Lieferantenanalyse und -bewertung mit den Indikatoren Qualität, Leistung, Finanzkennzahlen und Bonität beschränke. Umfassende Frühwarnsignale seien dagegen bei weniger als der Hälfte der Unternehmen auf dem Radar. Cyberrisiken sogar nur bei 12 Prozent. Insgesamt überwachten nur 8 Prozent der Unternehmen ihre Risiken in einem automatisierten Prozess. 58 Prozent setzten noch immer auf manuelle Arbeit und Excel-Tabellen.

Ein Risikomanagement sollte nach Ansicht der Senior Consultant Sustainability sowohl die eigenen Produktionsstätten und Geschäftsmodelle wie auch die Lieferketten umfassen. Richtig angewendet führe es zu einem agileren Unternehmen. Angeraten sei, hier die Tools zu nutzen, die uns die Digitalisierung zur Verfügung stelle. Abgesehen vom aktuellen Krisenmodus sei ein Update des Risikomanagements auch deshalb angeraten, weil die EU Unternehmen im Rahmen ihrer Corporate Sustainability Reporting Directive ohnehin zwinge, sich in diesem Bereich holistischer aufzustellen.

Als wichtige Bausteine für eine resilientere Zukunft nannte Walther-Thoß Multiregionalisierung statt Globalisierung, partnerschaftliche Lieferanten- und Kundenbeziehungen, Diversifizierung von Rohstoffquellen, Vielfalt anstelle von Standards und Transparenz.

Auch wenn ein holistisches Risikomanagement die Komplexität erst einmal erhöhe, profitierten Unternehmen in der Folge von mehr Ressourcen, gezielt geschultem Personal, agileren Unternehmensprozessen und einen Digitalisierungsschub. Da alle angegangenen Risiken auch Nachhaltigkeitsrisiken seien, zahle sich der Einsatz doppelt aus.

bezahlte Anzeige

DIESE BEITRÄGE KÖNNTEN SIE AUCH INTERESSIEREN

bezahlte Anzeige

AM MEISTEN GELESEN

HOME » AKTUELL » 17. Deutscher Verpackungskongresses